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BayernJudo.de: kikaku® - Kinderkampfkunst für eine gewaltfreie Stadt
Aus- und Fortbildung
Samstag, 7.8.2010 - 20:22 Uhr

Bayreuther Kinderpädagogik-Konzept

kikaku® - Kinderkampfkunst für eine gewaltfreie Stadt

Neue Wege in der Kinderpädagogik - das Bayreuther Projekt „kikaku“ beschreitet sie mit Hilfe des Kampfsports. Der Bayerische Judo-Verband unterstützt dieses spannende Modell, an dem u.a. auch Sebastian Liebl, der stellvertretende BJV-Jugendbildungsreferent, aktiv beteiligt war. Peter Kuhn stellt „kikaku“ vor.

Geschafft! Stolz und noch ein wenig ungläubig stehen die drei Mädchen und fünf Jungen auf der Linie und tragen ihre erste Farbe am Gürtel.


Die kikaku-Kinder nach der ersten Gürtelprüfung (Foto: Friedlein)

Das allein ist sicher kein Anlass für einen Artikel – wäre da nicht etwas ganz Besonderes: Diese Kinder spielen, trainieren und kämpfen nämlich in einem außergewöhnlichen Projekt. kikaku heißt es. Das ist einerseits die Abkürzung für Kinderkampfkunst. Andererseits bedeutet das japanische Wort kikaku soviel wie Würde. Und damit kommt die Besonderheit des Projekts zum Ausdruck. kikaku soll Kindern – vor allem den Kindern, die durch schreckliche Erlebnisse entwürdigt sind – Würde vermitteln, ihnen zeigen, welche wunderbaren Möglichkeiten in ihnen liegen. kikaku entspricht damit dem pädagogischen Prinzip der „Schatzsuche“. „Dies bedeutet, den Blick auf Ressourcen und Stärken eines jeden einzelnen Kindes zu richten und das Kind bekräftigen, mit dem Wissen um sein eigenes Können als Grundlage, neue Herausforderungen in Angriff zu nehmen“ (schatzsuche.uni-bayreuth.de/philosophie).

Seit Januar 2010 besteht diese Kampfkunstgruppe im Kinderhaus Bayreuth (kinderhaus-bayreuth.de). Das Kinderhaus Bayreuth ist eine von 26 bayerischen Konsultationseinrichtungen des Bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik und verfügt über 90 Plätze. Die vier Familiengruppen (Erde, Feuer, Wasser und Luft) sind so ausgerichtet, dass darin behinderte und gesunde Kinder im Alter von 0 bis 12 Jahren betreut und gebildet werden können. Auch sozialintegrative Plätze stehen zur Verfügung. Und so ist auch die kikaku®-Gruppe aus Kindern mit verschiedenen psychosozialen Möglichkeiten und Fähigkeiten zusammengesetzt.


Das Kinderhaus Bayreuth (Foto: Kinderhaus Bayreuth)

Im Mittelpunkt des Trainings steht der Gedanke des „friedlichen Kriegers“ (vgl. das gleichnamige Buch von Neumann, von Saldern, Pöhler & Wendt). Dieser lehnt Gewalt in sozialen Begegnungen ab, bleibt im Ernstfall respektvoll, achtet auf das Wohlergehen aller Beteiligten und verhält sich bis zum Äußersten defensiv. Bei kikaku geht es also in erster Linie darum, die Psyche der Kinder zu stärken. Dies wird mit einem eigens entwickelten Konzept angestrebt. Es kombiniert verschiedene Kampfkunstaspekte zu einem Modell, das Raum für Spiel, Begegnung, Kämpfen aus der Distanz und im Kontakt, Meditation und dem Erspüren von Kraftwirkung beinhaltet – und das die Entwicklung für verschiedene Kampfkünste offen lässt. Konkret beinhalten die Trainingseinheiten traditionelle Gruß- und Meditationsrituale, Konkurrenz- und Kooperationsspiele, Uke-, Uchi-, Tsuki-, Keri-, Nage- und Ukemi-Waza, Kata, Bunkai (anwendungsbezogene Sinnermittlung einer Kata), Randori und Mondo (dies meist nach dem Vorlesen einer Geschichte) und Bruchtest. Wesentlich und zentral ist dabei der Aspekt der sozialen Beziehung. So wird auch etwa beim Trainieren von Fall-, Faust- und Fußtechniken auf gegenseitige Beobachtung oder auf die Anpassung der jeweiligen Handlung an die der anderen Kinder Wert gelegt. Denn prosoziale Kompetenz wird nur in der Beziehung zum Anderen erworben.


Ein Junge beobachtet die Fallschule seines Partners (Foto: Kuhn)

Alles, was im kikaku-Training gemacht wird, muss sich also daran messen lassen, ob es dem defensiven Anliegen der vom Do-Gedanken geprägten Kampfkünste entspricht. Ni sente nashi – nicht die erste Bewegung – schreibt uns Funakoshi Gichin ins Stammbuch. Und Jigoro Kano verbindet seiryoku zenyo (maximale Wirkung bei minimalem Aufwand) und jita kyoei (gemeinsamer Fortschritt durch gegenseitige Hilfe) zu einer tief humanistischen Gesinnung. Das gilt für kikaku in besonderem Maße. Es bedeutet gleichwohl nicht, dass die Kinder nur Abwehrtechniken lernen. Doch die Angriffstechniken stehen unter dem Vorbehalt, dass sie nur im Training angewendet werden dürfen und vor allem dazu dienen, dass der Partner lernt, sich dagegen zu verteidigen.

Das Projekt wird von Dr. Peter Kuhn wissenschaftlich begleitet. Dr. Kuhn ist Dozent für Sportpädagogik am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bayreuth und derzeit Lehrstuhlvertreter an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er trägt den 1. Dan des Deutschen Karate Verbands und wurde 2007 an der Sporthochschule Tianjin (China) zum Lehrer für Taijiquan zertifiziert. Er beobachtet zusammen mit zwei Mitarbeitern systematisch die Entwicklung der Kinder anhand von definierten Kategorien, etwa aus den Bereichen Selbstwirksamkeit, Empathiefähigkeit und Impulsivität. Parallel dazu haben die Erzieher/innen des Kinderhauses für jedes Kind ein Portfolio angelegt. Dabei handelt es sich um ein Instrument der Bildungsdokumentation und Bildungsplanung, in dem nicht nur Wahrnehmungen und Vorhaben der Erzieher/innen, sondern auch die Vorstellungen der Kinder gesammelt werden. Darin befinden sich z.B. auch die Zeichnungen der Kinder zum Kampfkunsttraining, die ebenfalls Gegenstand wissenschaftlicher Analyse sind.


Die kikaku-Kinder beim Kihon-Training (Foto: Kuhn)

Maria Salosnig, Leiterin des Kinderhauses, verspricht sich vom Projekt kikaku einen Entwicklungsschub für Hortkinder mit erhöhtem Förderbedarf im sozialen und emotionalen Bereich. Diese Kinder brauchen vor allem Lern- und Übungsgelegenheiten für den adäquaten Umgang mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen, aber auch für einen sinnvollen Umgang mit Körperkräften. Über die gesteigerte Selbstwahrnehmung, so wird erwartet, stärkt das gemeinschaftliche Kampfkunsttraining auch das Selbstwertgefühl der oft ängstlichen Kinder und ihre Kompetenzen im Umgang mit Gewalt.

Getragen wird das Projekt vom Förderverein des Kinderhauses Bayreuth. Dr. Kuhn arbeitet ehrenamtlich und seine Mitarbeiter erhalten einen Unkostenausgleich. Da einige der kikaku-Kinder von Armut betroffen sind, hat die Karateschule Okinawa Bayreuth die Kampfsportanzüge gestiftet. Und auch die erste Gürtelprüfung wurde tatkräftig von außen unterstützt. Der Bayerische Karate Bund und der Bayerische Judo-Verband haben die Urkunden und die Prüfungsmarken kostenlos zur Verfügung gestellt. Der BJV hat darüber hinaus die weiß-gelben Gürtel gestiftet.


Zwei Mädchen nach Uki-goshi in der Halte- bzw. Befreiungssituation (Foto: Bien)

Die Prüfung am 19. Juli 2010 war als zweistündiges Prüfungstraining konzipiert. Dr. Kuhn und der Doktorand Sebastian Liebl, 1. Dan Judo und stellvertretender Referent für Jugendbildung im BJV, unterrichteten und prüften die Kinder. Das Anforderungsprofil der Prüfung wurde an die Behinderung und Einschränkung der Kinder angepasst.


Die kikaku-Kinder beim Erlernen der Heian Shodan (Foto: Kuhn)

Das Training verlief in der Form, dass auf eine Übungsphase eine Prüfungsphase folgte. Im Anschluss an die Kata-Prüfung stand – als Schwerpunkt des Neulernens in diesem Training – die Kata Heian Shodan auf dem Programm. Die Kinder freuten sich zu erfahren, wie leicht es ihnen fiel, sich den Ablauf zu merken und führten dies mit ihren eigenen Worten auf das häufige Üben der Kikaku Shodan zurück. Die gemeinsame Demonstration der Heian Shodan belohnten die Prüfer mit der Verleihung des gelben Streifens auf dem weißen Karatedo-Gürtel. So war es abschließend möglich, den Kindern den weiß-gelben Gürtel zu verleihen, der nun den 8. Kyu im Judo und die Zwischenprüfung zum 8. Kyu im Karatedo symbolisiert.

Qualitätsmerkmale solcher Projekte sind Öffentlichkeit und Nachhaltigkeit. Nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über Probleme in Bildungseinrichtungen, sondern prinzipiell müssen sich Bildungskonzepte der Öffentlichkeit stellen. Es ist deshalb regelmäßig möglich, kikaku zu beobachten. Das Kinderhaus lädt beispielsweise Verwandte und andere Kinder ein, sich das Training anzuschauen und die Erzieher/innen und Projektmitarbeiter sprechen mit den Erziehungsberechtigten über die Entwicklung ihrer Kinder.


Ein Junge beim abschließenden Bruchtest (Foto: Kuhn)

Der Hauptfaktor für die Nachhaltigkeit liegt in der Einbettung des kikaku®-Projekts in das Netzwerk Gewaltfreie Stadt Bayreuth. Den Anstoß für die Entwicklung dieses Netzwerks hat die Reaktion auf die ersten Medienberichte über kikaku gegeben (nachzulesen auf ki-ka-ku.de). Im Mai wurde das Netzwerk auf Initiative von Dr. Kuhn gegründet. In diesem Netzwerk sollen die Kräfte der Stadt Bayreuth, die sich bereits um das im Projektthema angesprochene Anliegen bemühen, systematisch gebündelt werden. Ziel des Netzwerks ist die Entwicklung der Stadt Bayreuth zu einer gewaltfreien und friedvollen Kommune mit Ausstrahlung auf ganz Oberfranken. Wer sich für die Entwicklung des Netzwerks interessiert, kann sich auf gewaltfreie-stadt.de darüber informieren und auf dem Laufenden halten. Die Gründungsmitglieder sind überzeugt davon, dass Kampfsport und Kampfkunst einen wesentlichen Beitrag zur prosozialen Kultur in Deutschland leisten können. Die Verantwortung und die Möglichkeiten, die damit verbunden sind, dürfen aber nicht einfach postuliert werden. Deshalb bemüht sich das Bayreuther Projekt auch um die Integration von Sportlern und Wissenschaftlern mit dem Ziel einer fundierten Aufklärung. Zusammen mit Prof. Dr. Harald Lange vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Würzburg trifft Dr. Kuhn zurzeit Vorbereitungen für eine Kommission „Kampf | Sport & Kunst“ in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Davon und von den daraus entstehenden Projekten und Forschungsarbeiten, so sind sich die Initiatoren sicher, werden letztlich alle profitieren: die Kinder, die Kampfsport- und -kunstverbände und alle Menschen im „Land der friedvollen Krieger“.


Mokuso anlässlich eines öffentlichen Trainings (Foto: Pfeiffer)

Peter Kuhn, Bayreuth

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