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BayernJudo.de: „Die Augen aufmachen“
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Montag, 20.6.2011 - 20:13 Uhr

Paul Barth im Porträt

„Die Augen aufmachen“

Eine Stellenanzeige gab es nicht für das Amt des Präsidenten des Bayerischen Judo-Verbandes. Ein Kandidat wurde trotzdem gefunden. Paul Barth, Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele von München, hat sich bereit erklärt, den Verband kommissarisch bis zum nächsten Verbandstag 2012 zu führen. Voraussetzung ist, dass Paul Barth vom erweiterten Gesamtvorstand des BJV auf seiner Sitzung am 3. Juli 2011 in das Amt des Präsidenten berufen wird.

Ingrid Müller, Claudia Plötz und Gert Langrock vom BJV-Presseteam haben sich mit Paul Barth zum Gespräch getroffen und stellen den möglicherweise nächsten BJV-Präsidenten vor.

„Helden auf Zeit“ hatte Carlo Thränhardt sein Buch über erfolgreiche deutsche Olympioniken genannt. Der ehemalige Hochspringer erzählte berührende Geschichten, wie sich Sportler hochgekämpft haben und wie schwer für manche von ihnen die Zeit nach der aktiven Laufbahn, nach den sportlichen Erfolgen, gewesen ist. Doch von solchen bitteren Erfahrungen scheint Paul Barth verschont geblieben zu sein.

Trifft man ihn, trifft man einen freundlichen, ruhigen und gelassenen Mittsechziger. Einen Mann, der auch nach seiner aktiven Zeit dem Sport und besonders dem Judo stets verbunden geblieben ist, ohne viel Aufhebens um sich zu machen.


Paul Barth


Immer im Sport engagiert geblieben


Der erste bayerische Olympiamedaillengewinner im Judo kann auf eine reichhaltige Zeit im Sport auch nach seiner sportlichen Karriere, die ihn unter anderem auch zu zwei fünften Plätzen bei Weltmeisterschaften (1969 und 1971), dritten Plätzen bei Europameisterschaften (1968 und 1973 (mit der Mannschaft)) und dem Titel eines Deutschen Meisters (1973) geführt hat, zurückblicken. So war Paul Barth neben seiner beruflichen Tätigkeit bei der Stadtsparkasse München ehrenamtlicher Landestrainer in Bayern und Württemberg, Frauen-Bundestrainer und baute zudem noch die Judo-Abteilung des 1. SC Gröbenzell auf und leitete sie Jahre lang.

Dazu kommt ein Engagement, das seinen Blick über das Judo hinaus erweitert hat. Aus einem Benefizspiel für einen verletzten Fechter heraus entstand der FC Olympia, eine Gruppe erfolgreicher bayerischer Sportler aus verschiedenen Sportarten, die sich zum regelmäßigen Fußballspiel traf. Später wurde daraus der „Initiativkreis Olympiasieger für Olympiakandidaten in Bayern e.V.“ . Dieser fördert seit 1994 bayerische Nachwuchssportler bei ihrer sportlichen Entwicklung.

Aus dieser Perspektive, die Paul Barth selbst als „von außen“ bezeichnet, sieht er trotz aller jüngst aufgetretenen Verwerfungen den Stand des BJV positiv. Gerade im Vergleich zu anderen bayerischen Verbänden seien die Probleme im BJV nicht so groß wie andernorts. In vielen Sportarten gebe es kaum eine funktionierende Jugendarbeit, so Paul Barth. Und aus seinen vielfältigen Kontakten kennt er die Wertschätzung, die zum Beispiel die Verantwortlichen des Olympiastützpunkts Bayern der Arbeit im BJV entgegenbringen.


Von außen an die Spitze?

Von außen wieder nach innen, und dann gleich an die Spitze - geht das so einfach? Fühlt er sich vorbereitet auf das Amt des Präsidenten? Paul Barth bleibt gelassen: „Man muss das so nehmen, wie es kommt.“ Doch er weiß auch: „Die Zeit bis zum Verbandstag wird für mich eine Lehrzeit.“ Seit den ersten Gesprächen mit den BJV-Vizepräsidenten Robert Keil und Bianca Mederer im Frühjahr arbeitet er sich in die Verbandsangelegenheiten ein. So nahm er schon an zwei Präsidiumssitzungen teil und konnte die aktuell anstehenden Aufgaben und Probleme kennenlernen.

Doch auch über aktuelle Aufgaben hinaus beschäftigen ihn die anstehenden Herausforderungen für den Verband. „Wir müssen die Augen aufmachen, was wir besser machen können. Ich möchte diese Diskussion anstoßen.“

Paul Barth hat einige Dinge ins Visier genommen, die ihn nicht zuletzt auch aufgrund seiner eigenen Erfahrung als Sportler und Trainer beschäftigen. Und es stelle sich die Frage nach einem Konzept, welche Dinge bezahlbar sind und welche mit wenig Aufwand machbar sind.


Die „oiden Leid“ wieder integrieren

So zum Beispiel das System der Stützpunkte, das er grundsätzlich gut findet, da in Stützpunkttrainings gute Sportler zusammen kommen und lernen zu kämpfen. Allerdings würde dabei eher wenig Technikausbildung geleistet, so dass sich oft ein Stützpunkttraining als reine Randorimaßnahme, als „Judo-Fabrik“ entpuppe. Den Trainern kann er es nicht verdenken, denn wenn man 5 Stunden hintereinander als Trainer auf der Matte stehe, „da bist leer“, sagt Paul Barth. Und wenn 60 Leute im Stützpunkttraining seien, sei eine individuelle Betreuung kaum noch möglich. Deshalb kann sich Barth gut vorstellen, auch erfahrene Judokas, „oide Leid“ wie er sie nennt, mit an die Stützpunkte zu holen. Diese sollen dann beim Techniktraining unterstützen oder auch mal für einen Tag Intensivtraining verpflichtet werden – und zwar immer mehrere zusammen, damit die Athleten eine umfangreiche Technikbetreuung bekommen.

Ebenso kann sich Paul Barth vorstellen, die BJV-Trainer auch immer wieder in auswärtige Vereine zu schicken und so die sportliche Entwicklung und die sportliche Konkurrenz innerhalb des Verbandes anzukurbeln.

Das ist für ihn auch eine sinnvolle Möglichkeit, mit knappen Mitteln oder Sponsorengeldern umzugehen. Dieses Geld solle weniger für Trainer als für Maßnahmen genutzt werden, zum Beispiel Spezial-Lehrgänge oder um Trainer herauszuschicken.


„Sonst sind die Kinder irgendwann satt“

Bei der schwierigen Frage, wie der überall beobachtbare Mitgliederschwund im Judo aufzuhalten sei, wird Paul Barth grundsätzlich. Man müsse sich die Frage stellen, wo wir als Judokas in der Gesellschaft stehen und wie die Gesellschaft uns sehe, meint er. Ein Beispiel für eine Fehlentwicklung hat er ausgemacht: Oft schicken Ärzte körperlich oder psychisch auffällige Kinder zum Judo.

Dabei sollten gerade Kinder und Jugendliche beim Judo gehalten werden. Doch dafür sollte auch die Überbeanspruchung durch zu viele Kampftermine abgebaut werden. „Sonst sind die Kinder irgendwann satt“, so Paul Barth.

Überhaupt gehe der Mitgliederschwund nur durch die Erfolge der Erwachsenen zurück, also durch das Vorbild unserer bayerischen Spitzenathleten.


„Von heute auf morgen geht’s nicht“

Doch Paul Barth ist sich auch darüber klar, dass nicht für alle Probleme Lösungen da sind und erst erarbeitet werden müssen. „Von heute auf morgen gehtÂ’s nicht. Aber da müssen wir konsequent dranbleiben.“

Vielleicht tut es Paul Barth dann ab 3. Juli 2011: als Präsident des Bayerischen Judo-Verbandes.

Ingrid Müller, Claudia Plötz, Gert Langrock
BJV-Presseteam

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