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BayernJudo.de: Frei-Dan für alle!
Verband
Montag, 22.8.2011 - 00:00 Uhr

Am Mattenrand (2)

Frei-Dan für alle!

Och nö, nicht schon wieder. Das gefühlte hundertste Mal darf ich eine Dan-Verleihung beklatschen. Diesmal an einen Landestrainer. Er ist ein feiner Kerl, und deshalb freue ich mich für ihn. Mein Nachbar klatscht auch mit, doch gleichzeitig mault er: „Der wird doch dafür bezahlt, Erfolge zu erzielen. Warum bekommt er dann noch einen Dan verliehen?“ Ja, warum eigentlich?

Versucht man, sich einmal über Dan-Verleihungen umzuhören, ist es schwierig, Meinungen zu bekommen. Vielen sind sie egal. Manche, vor allem Funktionäre, halten sich bedeckt.

Trotzdem erhält man beim Nachbohren manchmal klare Statements und man kann erahnen, dass Dan-Verleihungen ein heikles Thema sind:
„Warum ausgerechnet der?“
„Die schanzen sich doch die Verleihungen gegenseitig zu.“
„Fürs Nichtstun ausgezeichnet!“
„Kriegt den Dan, weil er alles macht, was der Präsident will.“
„Der hat das schon lange verdient.“
„Warum denn nicht?“


Um gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Jedem Einzelnen gönne ich seinen verliehenen Dan von Herzen. Bei keinem Geehrten habe ich das Gefühl, dass es den Falschen getroffen hätte. Denn hinter jeder Verleihung steht eine kleine, persönliche Judo-Geschichte. Oft eine Geschichte von unglaublichem Einsatz fürs Judo, für den Verein oder den Verband.

Und trotzdem bleibt auch bei mir ein seltsames Bauchgefühl. Aber - warum? Ist es Neid? Ach was, ich bin noch jung und kann und will meine Dan-Prüfungen selbst machen! Oder ist die Vergabe nicht ausgewogen? Bleiben all die Ehrungen auf einen kleinen Zirkel begrenzt, der sich gegenseitig ehrt und so bei Laune hält, so wie es Politiker und Monarchen früher mit den sogenannten „Frühstücksorden“ taten? Oder werden sie gar aus opportunistischen Erwägungen vergeben? Warum gibt es mittlerweile so viele Funktionäre mit der „Bahnschranke“ und so wenig ehemalige Sportler? Oder täusche ich mich, weil ich zu jung bin, um manche Funktionäre noch als Sportler zu kennen? Und wieso gibt es so viele Dan-Verleihungen? Kann man sich als Funktionär den Dan ersitzen und als Sportler und Trainer geht man leer aus?

Warum bekommt Olli keinen Dan? Er ist Mitte Vierzig, immer noch auf der Matte und bei Wettkämpfen, und auf seine Weise als Sportler und Trainer ein Vorbild, weil er Sport lebt, obwohl er Selbständiger ist. Und warum bekommt Daniel keinen Dan verliehen, obwohl er seit Jahren als Kampfrichter alles wegschiedst, was zu schiedsen ist? Warum nicht derjenige, der seit Jahrzehnten als Jugendfunktionär im BJV und DJB dafür sorgt, dass alles immer wieder irgendwie weitergeht? Warum der eine und der andere nicht?



Zeit, der Sache mal systematischer auf den Grund zu gehen.

Also schaue ich in unsere Ehrendatenbank im Internet und suche mir alle dort eingetragenen Dan-Verleihungen heraus. Die Datenbank hat sicherlich Lücken, zumal auch die Ehrungen durch das DDK vor 1991 nicht erfasst sind. Drei Ehrungen kann ich noch selbständig ergänzen. Doch schon das Ergebnis dieser Analyse ist interessant.


Zahl der Dan-Verleihungen im BJV pro Jahr
Es zeigt, dass die Zahl der Dan-Verleihungen seit Jahren kontinuierlich steigt. Eine echte Inflation von Verleihungen ist es nicht, trotz der großen Zahl von 174 Dan-Verleihungen, die ich zusammenrechne. Aber dass es mehr und mehr Verleihungen werden - das ist jetzt nicht mehr nur ein Bauchgefühl, sondern eine Tatsache. Erstaunlich ist auch, dass es fast immer in Jahren mit gerader Jahreszahl mehr Dan-Verleihungen als im Vorjahr gibt.


Zahl der einzelnen im BJV verliehenen Dan-Grade
Auch interessant ist, dass am häufigsten niedrige Dan-Grade verliehen werden.

Schaut man sich dann mal an, an welche Vereine am häufigsten Dan-Verleihungen gingen, sieht man ganz vorn unsere beiden Spitzenvereine, den TSV Großhadern und den TSV Abensberg. Das ist auch logisch, denn erfolgreiche Sportler und Trainer werden häufig geehrt. Weitere fünf Vereine sind mit 4-7 Verleihungen vertreten, die restlichen 98 Verleihungen verteilen sich auf sonstige Vereine.
Verteilung der Dan-Verleihungen im BJV auf Vereine


Auch bei der Zählung, wer am häufigsten einen Dan-Grad verliehen bekam, gibt es wenig zu diskutieren. Udo Quellmalz erhielt 4x einen Grad verliehen, Michael Jurack, Ralf Matusche, Hendrik Schumacher, Richard Trautmann und Florian Wanner erhielten 3x einen Dan-Grad verliehen. 15 weiteren Judokas wurde laut Ehrendatenbank 2x ein Dan-Grad verliehen.


Durch Prüfungen und Verleihungen erworbene Dan-Grade im BJV
Doch dann bekomme ich die Zahlen über die abgelegten Dan-Prüfungen von 2005-2010 in die Hand. Und siehe da: Es wird spannend. Denn 2010 kamen 21 Dan-Verleihungen auf 105 erfolgreich abgelegte Prüfungen. In anderen Worten: Auf jede fünfte Prüfung eine Verleihung. Das erscheint mir ein ungesundes Verhältnis. Denn es demotiviert, sich für Prüfungen zu entscheiden, wo man doch auf anderem Wege vermeintlich viel bequemer zum nächsten Dan kommen kann. Noch ungesunder wird es, wenn man weiß, dass rund ein Drittel der etwa 130 Träger des 4. und 5. Dans seinen Dangrad verliehen bekam. Also ein Verhältnis von 2:1.

Warum ist das so ungesund? Weil ein Dan-Grad ja auch Ergebnis einer sportlichen und intellektuellen Auseinandersetzung mit Judo sein soll. Der DJB hat erst vor kurzem ein 129-seitiges Begleitskript zur neuen Dan-Prüfungsordnung herausgegeben. Er bemüht sich also, den Prüflingen viele Inhalte zu vermitteln. Ob wohl auch die Träger der verliehenen Dan-Grade das geforderte Repertoire drauf haben und wiedergeben können?

Oder liege ich mit diesem Gedanken falsch? Soll man Dan-Verleihungen an der Prüfungsordnung messen oder nicht? Die Antwort gibt die Anlage zu unserer BJV-Ehrenordnung. Denn die Kriterien sind so gefasst, dass Dan-Verleihungen eigentlich nur auf Grund besonderer sportlicher Erfolge im Spitzensport oder sonstiger Verdienste erfolgen sollen. Die Aufzählung beschränkt die Dan-Verleihung auf herausragende Leistungen und auf Übungsleiter, Trainer, Kampfrichter oder Funktionäre. Und sie enthält den schönen Zusatz „Die Höhe der Graduierung muss dem Wirkungskreis des zu Ehrenden entsprechen“. Ob all diese Kriterien immer so eingehalten werden?

Vorbildliche, wenn auch erfolglose Sportler, die trotzdem auf ihre Weise viel fürs Judo tun, kommen in diesen Kriterien nicht vor. Übungsleiter, die sich im Breitensport verausgaben und daher keine Erfolge bei großen Meisterschaften vorweisen können, ebenso nicht. Oder die vielen Helfer und Funktionäre, ohne die ein Verein oder auch ein Verband nicht funktionieren kann und kein Wettkampf stattfinden kann - warum werden die nicht auch mal mit einem Dan geehrt? Warum der eine und der andere nicht?



Was bleibt also nach diesem Exkurs? Ratlosigkeit. Denn irgendwie will mir das alles nicht eingehen. Warum läuft es mal so und mal so? Warum der eine und der andere nicht?

Eigentlich haben doch viel mehr Judokas eine Dan-Verleihung verdient! In diesem Sinne: Eine Runde Frei-Dan für alle! Und danach gibtÂ’s nur noch Ehrennadeln. Und wer einen Dan will, muss zur Prüfung. Und wehe, es weint dann noch einer! ;-)



Hinweis: Alle angeführten Daten sind nach bestem Wissen und Gewissen zusammengetragen. Sie bleiben trotzdem ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.

In der nächsten Folge „Am Mattenrand“: „Los, reiß ihm den Broiler Â’raus!“


Gert Langrock
BJV-Presseteam

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