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BayernJudo.de: Das Prinzip der Inklusion
Sportgeschehen / Verschiedene
Dienstag, 3.1.2012 - 00:43 Uhr

Judo – „all inclusive“

Das Prinzip der Inklusion

Das Prinzip der Inklusion ist ja derzeit ein großes Thema. Während sich die Politik gerne damit schmückt, den Inklusionsgedanken weitestgehend zu verbreiten, gibt es doch in der Umsetzung im Allgemeinen vieles zu beachten, was gerne verdrängt wird. So sei beispielsweise die Inklusion für Kinder und Jugendliche mit Behinderung – insbesondere mit intellektueller Beeinträchtigung – in allgemeinen Schulen zwar ein grundsätzlich ehrenwertes Ziel, wenn jedoch der Weg sehr eng und holprig ist und sich letztendlich als Sackgasse erweist, bleibt so manchen Pädagogen nur die Feststellung, dass weitgehend beabsichtigte Sparmaßnahmen hier ein neues Deckmäntelchen gefunden haben.

Große Klassen, zu wenig Lehrer und unzureichende Betreuung sind hier nur ein paar Stichworte, die das Missverhältnis für eine sinnvolle Umsetzung in kürzester Form widerspiegeln und vielleicht bei vielen Menschen den Eindruck wecken, dass das vorderste Ziel eher die Abschaffung der besonderen (wohl teuren) heilpädagogischen Einrichtungen sein könnte, als eine ehrlich gemeinte Inklusion. Die Politik hat also diesbezüglich sicherlich noch eine große Aufgabe zu bewältigen, wenn es wirklich ernst gemeint ist.
Trotz einiger skeptischer und kritischer Betrachtungsweisen zeigt doch gerade der Alltag - und ganz besonders der Sport - vielfältige Möglichkeiten, Inklusion aktiv umzusetzen. Die Judoka der Sportfreunde Harteck München in Zusammenarbeit mit dem Heilpädagogischen Centrum Augustinum (HPCA) und dem Bayerischen Judoverband (BJV) verwirklichten in der Saison 2011 ein bisher einmaliges Projekt : Der Start eines überwiegend aus G-Judoka (Bezeichnung für Judoka mit geistiger Behinderung) besetzten Männerteams in der regulären Judo-Kreisliga des Bezirkes München. Die Saison erstreckte sich im Zeitraum Mai bis Ende November, insgesamt waren neun Teams gemeldet. Unter dem neutralen Namen „Harteck III“ waren die G-Judoka und deren Trainer eines der Teams, die um die Kreisligameisterschaft 2011 kämpften.

Die Prinzipien

Um den Inklusionsgedanken stets aufrecht zu erhalten, hat sich der Initiator (und Autor des Berichtes) folgende Prinzipien für das Projekt gesetzt:

1. Wenn sich alle sieben Gewichtsklassen von G-Judoka besetzen lassen, werden diese alle eingesetzt.

2. Mindestens werden aber vier G-Judoka pro Durchgang eingesetzt.

3. Es starten keine Kämpfer aus der ersten und zweiten Mannschaft der SF Harteck

4. Ein Einsatz der nicht behinderten Judoka wird nur von beteiligten Trainern des G-Judo-Projektes der SF Harteck / HPCA München gewährleistet

5. Nichtbehinderte Mannschaftsmitglieder ergänzen das Team bei unbesetzten Gewichtsklassen

6. Das Team hat die neutrale Bezeichnung „Harteck III“ ohne expliziten Hinweis auf die „besondere“ Situation der Judoka

7. Die offizielle Wettkampfordnung (WKO) des Deutschen Judobundes ( DJB) wird umgesetzt, ebenso die Ordnung des Ligabetriebes (hier Kreisliga als unterste Liga) des BJV

Die Ausgangslage




Seit 1989 gibt es im HPCA und etwas später in Kooperation mit den SF Harteck München Judo für Menschen mit Behinderung, das mittlerweile zum festen Bestandteil in Tagesstätte und Verein wurde. Über hundert G-Judoka kamen und kommen in den Genuss, diesen Sport mit ihren Möglichkeiten auszuüben. Aus allen Altersklassen entwickelte sich auch ein immer größer werdender Kern von Judoka, die nicht nur thearpeutisches Judo, sondern auch leistungsorientierten Wettkampf betreiben wollen. So entwickelte sich mit den Jahren auch im sportlichen Sinne eine hohe Erfolgsquote bei den Deutschen Einzelmeisterschaften im G-Judo, die seit 1998 offiziell stattfinden. In jeder Gewichtsklasse konnten die Hartecker / HPCA Judoka irgendwann einen Deutschen Meistertitel gewinnen. Dilon Sabah-Yalda und Michael Meßerer bis 66 kg, Benjamin Binder bis 73 kg, Florian Schnabl bis 81 kg, Roman Peter bis 90 kg und Benjamin Baumgartner bis 100 und über 100 kg sind allesamt z.T. mehrfach Deutsche Meister im G-Judo, Bartek Prawica über 100 kg sogar Olympiasieger der Special Olympics World Games. Ein Team komplett besetzt mit ehemaligen Deutschen Meistern – eine bessere sportliche Grundlage kann es gar nicht geben.
Die wichtigsten Unterschiede der WKO G-Judo zur offiziellen WKO bestehen darin, dass im G-Judo Würge- und Hebeltechniken verboten sind und die Kampfzeit auf drei Minuten effektiv begrenzt ist (anstatt fünf Minuten). Da die verlängerte Kampfzeit eher kein Problem darstellt, besteht im Hinblick auf die ungewohnten Würge- und Hebeltechniken schon ein gewisser Nachteil für die G-Judoka gegenüber den „normalen“ Judoka. Deshalb gewinnt die Vorbereitungsphase auf die Liga besondere Bedeutung: Nicht die Anwendung dieser Techniken, sondern das Erkennen dieser Situationen musste noch eingehend trainiert werden, aber auch das schnelle Verhalten, wenn man in eine Hebel- oder Würgesituation gerät (z.B. lieber im Ansatz Aufgabe durch Abklatschen).

Der Verlauf


Bereits in der Planungsphase, ca. ein halbes Jahr vor Beginn der Kreisligarunde, wurde schnell ersichtlich, dass es nicht einfach damit getan war, den Athleten Termine, Wettkampforte ,Zeiten und Treffpunkte mitzuteilen, sondern auch, wie man die angegebenen Hallen und Ortsteile erreicht. Darüber hinaus waren weitergehende Maßnahmen notwendig, beispielsweise die Absprache mit Arbeitgebern (die Kreisligabegegnungen finden unter der Woche am Abend statt und kollidieren z.T. mit der Arbeitszeit). Die einfachste Möglichkeit war ein gemeinsamer Treffpunkt der Mannschaft, was sich aber aufgrund Fahrzeugmangels und dem Münchener Berufsverkehr nicht immer umsetzen ließ.
In der Kreisliga München wurde an vier Kampftagen (jeweils in Gruppen mit drei Teams) gekämpft. Fünf Gewichtsklassen mussten mit 7 Judoka besetzt werden, bis 66, bis 73 doppelt, bis 81 doppelt, bis 90 und über 90 kg.
Vom ersten bis zum letzten Kampftag war das Team stets komplett angetreten, kein einziger Punkt ging kampflos verloren. Damit waren die Hartecker die einzige Mannschaft, die alle Kämpfe bestritten, bzw. alle kampflosen Punkte zugesprochen bekamen. Wie sich im Verlauf der Saison herausstellte, war genau das die Stärke des Teams, da die gegnerischen Mannschaften des öfteren mit unbesetzten Gewichtsklassen antraten.
Gleich zu Saisonbeginn mussten die G-Judoka ihre ersten, bis dato eher seltenen Erfahrungen mit Niederlagen sammeln. Gegen die lang bestehenden Teams vom Post SV München ( 2:5) und dem SV Lohhof (3:4) setzte es die ersten Niederlagen, wenn auch das Ergebnis gegen Lohhof denkbar knapp war. Bezeichnenderweise gab hier der verlorene Punkt eines Trainers den Ausschlag. Deutlicher war der Unterschied zum Münchner Judoclub (1:4) und dem ESV München (2:4), bevor endlich das erste sportliche Erfolgserlebnis gegen den VfR Garching (5:2) anstand. Bei einem weiteren Punkteverlust gegen den renommierten Verein vom TSV München Ost (2:5) stand der letzte Kampftag zuhause ausgerechnet gegen den Vorjahresmeister Samurai München und dem Tabellenführer SC Armin an. In der heimischen Turnhalle des HPCA traten beide Gästeteams jeweils mit einer sehr reduzierten Mannschaft an. Es stand schon die Frage im Raum, ob die Gäste kampflos ihre Punkte an die Männer des SFH abgeben. Aber gerade in diesem Moment zeigte sich, dass sich der Gedanke der Inklusion (inzwischen hat es sich wohl herumgesprochen, dass ein G-Judoteam am Start war) auch in der Liga festgesetzt hat. Harteck – wieder mal in voller Besetzung- SC Armin und Samurai mischten ihre Teams, sodass die Begegnungen unter großer Anteilnehme der etwa 40 Zuschauer stattfinden konnten. Auch der Präsident des BJV, Paul Barth ließ es sich nicht nehmen, dabei zu sein und die Stimmung besonders an diesem Abend war für Kreisligaverhältnisse locker, entspannt und sehr fröhlich. Sehr engagiert und motiviert traten die G-Judoka, allem voran Roman Peter und Bartek Prawica (er wurde erst kurz davor Goldmedaillengewinner bei den Special Olympics in Athen)mit ihren Trainern Alwin Brenner und Max Sonner an und gewannen gegen Samurai deutlich mit 6:1 und knapp gegen den bisher ungeschlagenen SC Armin mit 4:3. In der Abschlusstabelle erkämpfte sich somit das Hartecker /HPCA Team mit 6:10 Punkten einen 7. Platz.
Roman Peter konnte sich am meisten gegen seine Gegner durchsetzen. Nur drei Niederlagen gegen wirklich starke Gegner musste er hinnehmen, seine Siege feierte er selbst mit großer Freude. Aber es gab auch weitere Erfolgserlebnisse für die anderen G-Judoka zu feiern, was ja für das Gesamtresultat für die Mannschaft wichtig war. Keine Verletzungen, keine Unstimmigkeiten – eine wahrlich tolle Erfahrung nicht nur für die Kämpfer.

Resümee


Das Projekt wird sicherlich in den nächsten Jahren fortgeführt werden. Die Erfahrungen im ersten Jahr waren durchweg positiv: Abgesehen vom sportlichen Aspekt hat sich an allen Kampftagen gezeigt, wie offen die anderen Vereine gegenüber diesem Team standen, wie alle die stets tolle Stimmung hervorhoben (in vielen Kreisligabegegnungen ist es ja oft recht still) und vor allem, wie „normal“ alles war. Keinerlei Berührungsängste mit den manchmal vielleicht schon ungewöhnlichen Verhaltensweisen der G-Judoka.
So hat sich das Projekt „Kreisliga“ von der ursprünglichen Zielsetzung einer „inklusiven Mannschaft“ weiter entwickelt zu einer „inklusiven Liga“. Der Sport und ganz speziell die Sportart Judo hat hier den „Einschluss“ von Menschen mit Behinderungen konkret in die Praxis umgesetzt, ohne viel Worte, mit ein bisschen Fantasie, ohne viel Reglementierungen und Hinterfragen, mit ein klein wenig Mut. Vielleicht ist die Münchner Judo-Kreisliga nun auch die erste inklusive Liga der Welt im regulären Spielbetrieb. Wie auch immer, die Zeichen sind gesetzt. Zeichen für andere Sportarten, aber auch Zeichen für die nationalen und internationalen Behindertensportverbände . Denn was im Behindertenbereich noch nicht gelungen ist, ist einem Sportfachverband bereits gelungen: Die Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung in den Bereich des Leistungssportes. Und dies ist ja eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Teilnahme bei den Paralympics.



Das Projekt wurde im November 2011 von der LH München mit dem 2.Platz des „Sportinklusionspreises“ bedacht.

Alwin Brenner

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