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BayernJudo.de: Ein Bayer wandert aus
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Montag, 19.2.2007 - 09:35 Uhr

Toni Lettner wechselt nach Estland

Ein Bayer wandert aus

Wieder eine Verletzung! Diesmal das Kreuzband! Dann auch noch die Nachricht, dass er seinen Kaderplatz verliert - sollte das das Ende der Karriere eines großen Talents sein? Toni Lettner stand 2004 vor den Trümmern seiner einst hoffnungsvollen Laufbahn. 2000, damals noch ein Großhaderner, war er Deutscher Meister geworden, doch dann kam eine Verletzungsserie, die auch robustere Naturen zum Rücktritt vom Leistungssport bringen würde. Wie sollte es weitergehen?

„Ich saß erstmal da und überlegte mir, soll ich mit Judo komplett aufhören und mich auf Studium und Beruf konzentrieren sollte oder soll ich im Judo noch einmal anreißen?“, so Lettner über die Zeit damals. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mein Potenzial nie ausreizen konnte. Ich habe ein halbes Jahr gekämpft und dann war ich wieder ein paar Monate verletzt.“

Den Weg wies ein Anruf bei seinem Abensberger Team-Kollegen Indrek Pertelson (Estland). Toni Lettner wollte noch einmal dem Schicksal trotzen und bei einem A-Turnier kämpfen, um sein Können zu beweisen. Da 2005 ein A-Turnier in der estnischen Hauptstadt Tallinn stattfand, konnte Lettner dank Pertelson beim Turnier als Nationsloser antreten. Das Turnier lief trotz Lospech nicht schlecht. Als Lettner dann mit Pertelson und einigen anderen Esten hinterher in der Sauna saß, wurde über ihn diskutiert. Fassungslosigkeit bei den Esten, als Lettner verkündete: „Eigentlich will ich jetzt aufhören. Ich habe keine Zukunft mehr im Nationalkader und ohne Kaderplatz macht das alles wenig Sinn.“

Indrek Pertelson erkannte sofort die Chance, das im estnischen Team schwach besetzte Leichtgewicht zu verstärken: „Kannst Du Dir vorstellen, für Estland zu starten?“ Lettner daraufhin: „Ja.“ Und schon war die Frage nach Toni Lettners Zukunft geklärt. Denn mit Pertelson, dank seiner Erfolge in Estland ein einflussreicher Mann, hatte er den Mann, der ihm den Weg ebnete. Trotzdem: „Das war ein Riesenschritt, der viel Mut von mir erfordert hat.“




Toni Lettner (Foto: Volker Kast)


Seit Anfang 2006 lebt Toni Lettner in Tallinn und hat bis jetzt Glück gehabt. Er ist seit einem Jahr verletzungsfrei, kann umfangreiches Training absolvieren, wurde problemlos vor Ort aufgenommen, der größte Kunde seiner heimatlichen Agentur, die Steuerkanzlei Mentel & Mentel aus Lenggries, ist trotz seines Wechsels treu geblieben und unterstützt ihn nach Kräften und aus Estland kamen sogar noch neue Kunden dazu. Zusätzlich absolvierte der 28-Jährige intensive Sprachkurse, um die schwere estnische Sprache zu erlernen. Ende Februar soll es dann soweit sein: Toni Lettner erhält die estnische Staatsbürgerschaft. Damit kann er dann offiziell für Estland starten und mit aller Kraft auf das große Ziel hinarbeiten: Olympische Spiele 2008. Der Weg zurück in die deutsche Staatsbürgerschaft bleibt zwar dank einer „Beibehaltungsgenehmigung“ offen, doch ist der derzeit kein Thema.

Und wie wurde er in Tallinn aufgenommen? „Ich hatte von Anfang an Freunde, den Indrek oder die Budolins. Und innerhalb des ersten Monats habe ich den ganzen Nationalkader als Freundeskreis bezeichnet.“ Auch außerhalb der Judokreise wurde er angenommen, zwar als Kuriosum – der Deutsche -, aber doch beliebt.

Geteilter waren die Reaktionen in der alten Heimat Deutschland. „Ich habe zwei typische Reaktionen vernommen: ‚Total krank, spinnt der?’ oder ‚Saugeil, er hat Recht.’ Leider halten sich die Reaktionen in der Waage“, so Lettner lachend. Selbst die Eltern, Landwirte in Oberbayern, meinten: Wir unterstützen dich, egal wie du dich entscheidest, würden es aber gut finden, wenn du hier bleiben würdest. „Aber da ich ein alter Sturkopf bin, habe ich es erst recht probiert.“

Doch was, wenn doch wieder eine Verletzung kommt oder er die Qualifikation verpasst? Toni Lettner bleibt cool: „Und wenn es nicht klappen sollte – was soll’s! Dann habe ich eben eine gute Zeit, habe viel erlebt und ich habe vor allem viel gelernt und nehme viel mit.“

Viel Glück, Toni!

Gert Langrock
BJV-Presseteam

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